Ohne Meer geht's auch - Maritime Wirtschaft
Rund 700 Kilometer von der nächsten See entfernt und trotzdem erfolgreich in der maritimen Wirtschaft zu sein, ist kein Widerspruch. Mainfränkische Unternehmen setzen auch in der maritimen Branche weltweit Maßstäbe.
Dass auf vielen Superyachten – und einer noch deutlich größeren Anzahl an Serienyachten – ein Schiffsdeck aus dem Ochsenfurter Gau verlegt ist, wissen oft nicht einmal die passionierten Wassersportler der Region. Tatsächlich gibt es kaum eine namhafte Werft in Europa, die nicht auf der Kundenliste von Wolz Nautic steht. Der innovationsstarke Deckbau-Spezialist aus Gaukönigshofen-Acholshausen hat seine Marktposition durch die Entwicklung und den Einsatz von innovativen und ressourcenschonenden Produkten in den letzten zehn Jahren deutlich gestärkt. Die Mainfranken sind in der Superyacht-Liga ab 75 Meter stark im Geschäft – Wolz Nautic hat aber unter anderem auch das neue Schiffsdeck für Klassiker gefertigt wie das der Viermastbark „Peking“ oder der größten und fortschrittlichsten, 182 Meter langen Forschungs- und Expeditionsyacht der Welt „REV“. Das Brot- und Buttergeschäft heißt aber Serienyacht-Deckbau. Rund 23.000 Quadratmeter vorgefertigte Seriendecks verlassen jährlich die Produktionshallen.
Ursprünglich 1927 als Schreinerei gegründet, erschließt das Familienunternehmen seit Mitte der 1980er-Jahre den internationalen Bootsmarkt und hat sich konsequent auf den maritimen Bereich ausgerichtet. Mit der Idee des vorgefertigten Teakdecks unter Verwendung neuer, innovativer Werkstoffe hat Wolz Nautic den Standard im Yachtdeckbau auf ein neues Level gehoben. Heute sind die Mainfranken Technologie- und Marktführer im Bau von vorgefertigten Schiffsdecks. Weil auch in dieser Branche Nachhaltigkeit eine immer größere Rolle spielt, hat das FSC®-zertifizierte Unternehmen neben zertifizierten (Plantagen-)hölzern mit Tesumo eine nachhaltige Teak-Alternative im Einsatz. Das doppelt modifizierte Holz bildet zusammen mit einem gewichts- und geräuschreduzierendem 3D-Kork als Leveling-Material eine innovative und nachhaltige Gesamtlösung.
Boote bauen wie Henry Ford Autos
Nach wie vor zu den größten Yachtbauunternehmen Europas zählt die 1978 gegründete Bavaria Yachtbau aus Giebelstadt. Gründer Winfried Herrmann revolutionierte damals als „Henry Ford des Bootsbaus“ die standardisierte Serienfertigung von Booten. Bavaria wurde mit der industrialisierten Fertigungsstraße mitten auf dem flachen Land zu einem der erfolgreichsten Bootsbauer. Heute ist das Unternehmen einer der modernsten Hersteller für Segelyachten und Motorboote weltweit. Vier Produktionsstraßen von je 125 Meter Länge, eine Schreinerei für den kompletten Ausbau einer Yacht sowie zwei Hallen zum Fertigen von Rümpfen und Decks befinden sich auf dem 200.000 Quadratmeter großen Werksgelände. In seiner Hochzeit vor der Finanzkrise baute das Unternehmen mehr als 3000 Segel- und Motoryachten pro Jahr. Nach mehreren Eigentümerwechseln nach der Finanzkrise 2008 und einem Insolvenzverfahren hat Bavaria inzwischen zurück zu alter Stärke gefunden. Aktuell beschäftigt das Unternehmen 700 Mitarbeiter und produziert 600 Segelyachten und Motorboote. Hinzu kommen etwa 250 Mitarbeiter am Standort Rochefort (Frankreich), wo Katamarane gebaut werden.
Ebenfalls zu den mainfränkischen Bootsbauern zählt Öchsner Boote aus Kürnach – und das bereits seit 1986. Mit Florian Öchsner ist seit 2012 neben Gründer Dieter Öchsner die zweite Generation in der Verantwortung und fokussiert eine interessante Nische. Wer sein Boot noch einfach auf einem normal gebremsten Trailer transportieren möchte, kommt an den technischen Daten von 3,5 t zulässigem Gesamtgewicht und einer Breite von 2,55 m nicht vorbei. Das Problem, dass sich mit zunehmender Bootslänge das Gewicht erhöht und die Seitenstabilität bei gleichbleibender Breite abnimmt, lösen die Mainfranken sehr erfolgreich. Öchsner konzentriert sich auf Spezialausbauten trailerbarer Motorboote und individualisiert Boote nach Kundenwunsch, wobei die Entwicklung und Endfertigung immer in Kürnach stattfindet. Der Erfolg bestätigt die Familie, der Standort in Kürnach wurde 2018 großflächig erweitert. Mit angegliederten Werken können die Mainfranken mit rund 70 Mitarbeitern auf über 10.000 Quadratmetern trailerbare Kajütboote der Premiumklasse anbieten.
Erfolgreich Boote verkaufen
Wer bei einem mainfränkischen Händler ein Boot kaufen möchte, für den ist Schwebheim bei Schweinfurt eine erste Adresse. Boote Pfister beschäftigt sich schon seit über 55 Jahren erfolgreich mit Booten. Senior Edgar Pfister hatte 1967 den Grundstein gelegt, Sohn Joachim managt die Firma heute und Enkel Dennis arbeitet ebenfalls schon im Unternehmen. Die Firma unterhält die größte Ausstellung Süddeutschlands für Neu- und Gebrauchtboote. Auf über 17.000 Quadratmetern Ausstellungsgelände mit 5000 Quadratmetern Hallenfläche hält Familie Pfister ständig über 150 Boote verfügbar, darunter Marken wie Jeanneau, Sea Ray, Quicksilver und weitere Markenhersteller – neu wie gebraucht.
Die Schwebheimer helfen auch bei der Finanzierung, der Einweisungsfahrt, liefern an jeden beliebigen Ort in Europa aus und übernehmen auch Wartungs- und Reparaturarbeiten. Ein großer Übergabehafen mit eigener Slip-Stelle und Auslieferungsstellplätzen direkt vor Ort machen das möglich. Probe- und Testfahrten an der Steganlage am Main in Schweinfurt gehören dazu.
Fündig werden könnte man aber beispielsweise auch bei Boote Hock in Stadtprozelten. Die Brüder Christian und Gerald Hock sind seit 1995 die zweite Inhabergeneration im Familienunternehmen, das Kajütenboote und Schlauchboote vertreibt, aber auch alles rund um den Wassersport, individuelle Einbauten, Werkstattservice und Bootsliegeplätze anbietet.
Von Mainfranken aus chartern
In der Reiseagentur-Spezialbranche Yachtcharter ist der Bootsvermittler Master Yachting einer der großen internationalen Player und hatte bis 2018 rund 10.000 Boote weltweit in seinem Repertoire. Seitdem segelt die Firma aus Würzburg in einer noch höheren Klasse. Die Schweizer Online-Segelplattform Sailogy, die weltweit 22.000 Boote vermittelt, hat die Mainfranken übernommen. Das Modell der beiden Agenturen ist einfach: Sie vermitteln die Interessenten für die Boote, die Charterfirmen irgendwo auf der Welt für Mieter zur Verfügung stellen, und sorgen auf Wunsch auch für einen Kapitän.
Gegründet wurde Master Yachting im Jahr 1990 von Andrea Barbera. Sie hat inzwischen mit ihrem Sohn Max Barbera die Segel noch einmal neu gesetzt und ihre Erfahrung und weltweiten Kontakte in die Neugründung Barbera Yachting in Würzburg eingebracht. Ebenfalls mehr als 30 Jahre Branchenerfahrung hat Yachtcharter Dagen aus Kürnach. Seit 1993 betreibt Markus Dagen das unabhängige Familienunternehmen und verchartet Segelyachten und Motoryachten nicht nur von einem eigenen Stützpunkt an der Ostsee aus, sondern auch im Mittelmeer. An die gleiche Urlauberkategorie wendet sich auch Frankonia Yachtcharter aus Karlstadt. Gegründet 2001 von Jochen Schmied, hat sich die Firma zu einem ausgewiesenen Türkei-Spezialisten entwickelt.
Maritime Industrieprodukte
Der maritime Markt ist auch für Industriebetriebe interessant. Als Drive & Control Company blickt beispielsweise Bosch Rexroth aus Lohr mit ihren Antriebs- und Steuerungslösungen sowie dem Serviceportfolio auf über 60 Jahre Erfolgsgeschichte in der Marine und Offshore Industrie zurück. Und der in Schweinfurt beheimatete schwedische Konzern SKF hat, seitdem er 2013 Blohm + Voss Industries übernommen hat, mit seinem Unternehmen SKF Marine Maschinen und Komponenten im Portfolio, die im Schiffbau zum Einsatz kommen.
Titelbild: Auf den Weltmeeren sind viele Superyachten mit Decks aus Mainfranken ausgestattet, so wie die mit 106 Metern Länge zweitgrößte Segelyacht der Welt „Black Pearl“. Foto: Tom van Oossanen